Mehr Zeit zum Leben?
 

01/09/2006
Mehr Zeit zum Leben?

Wie bringen SIE Alltag und Karriere unter einen Hut?
Das VIP-Gebäude des Flughafens Schwechat bot am 11. September die Kulisse für eine außergewöhnliche Diskussionsrunde - am Podium diskutierten erfolgreiche Führungspersönlichkeiten ihre Strategien, wie sie im Alltagsstress Burn-out vermeiden, trotz Leistungsdruck und Familienpflichten ihre berufliche Karriere weiter entwickeln und auch den Ansprüchen der Gesellschaft begegnen. Neuen Rollenbildern in Führungspositionen wurde dabei besondere Aufmerksamkeit zuteil.
Landesrätin Mag.a Johanna Mikl-Leitner erwartete sich durch die Vorbildwirkung erfolgreicher Strategien eine bewusste Motivierung von Frauen, sich mit dem Thema Führungsaufgabe und Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus einer neuen Perspektive auseinander zu setzen: „Vorbilder können anregen und machen erfahrungsgemäß Mut, in einer beruflichen Laufbahn Führungspositionen nicht auszuklammern, auch wenn Familienpflichten zu tragen sind“.
Die Diskussionsrunde sollte deutlich machen, wie erfolgreiche Menschen mit diesen Herausforderungen umgehen, Frauen und Männer, wie sich Stress und Burn-out vermeiden lassen und gesundheitliche wie auch psychische Vorsorge geleistet werden kann.

Es geht nicht um Polarisierung von ‚desperate housewife’ gegen ‚Powerfrau’!
Prof. Dr. Rotraud Perner, Gründerin des Instituts für Stressprophylaxe und Salutogenese (Erforschung und Vermittlung der Faktoren, die Gesundheit fördern), konnte eingangs als Expertin für Strassbelastungen die Grundkenntnisse der verwendeten Begriffe vermitteln: Was ist überhaupt Stress und Burn Out, woran erkenne ich Stresssymptome, wie zeigt sich das Erscheinungsbild von Burn-out?
Als Hauptfrage stand der Umgang mit Stress im Mittelpunkt: Wie kann man mit Stress gelassen umgehen? Perner definierte Stress als übergroße Belastung, ein Spannungszustand, der auf Dauer zu Burn-out führe, weil der die „Haltbarkeitsgrenze“ überschreite. Sie weist auf die Körperreaktionen hin, die Stress deutlich werden lassen und rät, den Körper aufmerksam zu beobachten: „Werden Sie achtsam!“ für Veränderungen der Atmung, Haltung, Mimik und Gestik: „Dem Dilemma ‚desparate housewife’ versus ‚eiskalte Powerfrau’, das wir aus Medienvorbildern kennen, zu erliegen, führt zu Fehlstrategien“, warnt Perner. Wichtig sei eine „Gesundheitskommunikation“, die einen positiven Umgang mit den täglichen Herausforderungen bewirke, gemeinschaftliche Arbeitsstrukturen und Sinnhaftigkeit.
Denn was wirklich ent-stressen könne, so Perner, sei einzig die Wahrheit: „Wahrnehmen und sagen, was Sache ist!“ Für Frauen UND Männer.

Erfolgsgeheimnis gegen Stress?
Die Podiumsteilnehmenden machten nach Perners Einleitung die Bandbreite von Verhaltensweisen zur persönlichen gesundheitlichen Stressprophylaxe deutlich. Gastgeber Mag. Christian Domany - Flughafendirektor und Leiter des NÖ Wirtschaftsforums der Führungskräfte, erklärte anhand des Beispiels Flughafen Strukturen, die von beruflicher Seite helfen können, den Druck aus Familienpflichten herauszunehmen: „Wir haben eine Vielzahl unterschiedlicher Zeitmodelle geschaffen, die Frauen und Männern bei der Gestaltung von Vereinbarkeit helfen können.“ Denn Vereinbarkeitsprobleme schaffen den meisten Stress.

Auch Dr.in Andrea Kdolsky, Geschäftsführerin der NÖ Landeskliniken, bestätigt die Bedeutung von Strukturen zur Entlastung von Stress im beruflichen Umfeld. „Es beginnt beim täglichen Guten-Morgen als Begrüßung, das die Stimmung eines ganzen Betriebes verändern kann“, spricht sie sich gegen die zunehmende Vereinzelung aus und für ein bewusstes Aufeinander-Zugehen.

Von Bundesrätin und Bürgermeisterin Sissi Roth wollte Moderatorin Monika Brass wissen, wie sie es schaffe, keinen Stress zu haben: „Vielleicht ist die Tatsache, dass ich meinen Beruf wirklich liebe und meinen Aufgaben mit Begeisterung nachgehe, die Grundlage dafür “, verriet Sissi Roth ihr Geheimnis gegen Stress und da die meisten Diskussionsteilnehmenden spontan nickten, scheint dieses Rezept auch für andere zu gelten.

Major Sonja Fiegl, Österreichs einzige Frau auf dem Leitungsposten eines Bezirkspolizeikommandos, verriet ebenfalls ihr Erfolgsgeheimnis. Es bestehe einerseits im bewussten Rückzug in den privaten Bereich, andrerseits im beruflichen Kontext im Zuhören und Annehmen von Hinweisen erfahrener Kollegen – sich nicht abschotten, sondern aufnahmebereit zu bleiben!

„Caring men and leading fathers“
Abschließend wurden von Projektleiterin Mag.a Christiana Weidel Erfahrungen aus dem EU-Projekt „Breaking Patterns“ der NÖ Landesregierung vorgestellt, das neue Rollenmodelle für Männer in Führungspositionen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie suchte: positive Beispiele von Männern in Führungspositionen, die Beruf und Familie erfolgreich vereinbaren, wurden durch ein europäisches Mentoringverfahren vermittelt. Ein Trainingsmodul wurde erarbeitet, das in Weiterbildungen von Führungskräften zum besseren Verständnis von Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen soll. Videospot und Postkarten ergänzen das Modul, das in Führungskräfteschulungen nun NÖ-weit aber auch auf europäischer Ebene in einigen Ländern angeboten wird.

Zu den Erkenntnissen des Projekts gehörte die Beobachtung, dass Männer die gleichen Probleme und Freuden erleben, wenn sie Karenz in Anspruch nehmen und zuhause bei den Kindern bleiben, aber sie entwickeln andere Strategien gegenüber den Problemen. Zwischen Männern findet ebenso gegenseitiges Lernen statt, der aber ermöglicht werden muss, so hatte „Breaking Patterns“ den Austausch unter Männern mit Mentoren aus erfolgreich vereinbarenden Ländern gefördert, Island (über 80 % Väterkarenz) und Schweden (26 %). So konnten Erfahrungen einfließen, z. B. des Leiters der städtischen Feuerwehr in Reykjavik, der durch Schaffung von Rahmenbedingungen für Väterkarenz zum Vorbild für viele männerbesetzte Branchen wurde.

In Schweden, wo für „halbe/halbe Verteilung“ von Führungspositionen gute bedingungen geschaffen werden, ist die Teilung von Familienbetreuungsaufgaben und das Bekenntnis zur Chancengleichheit schön seit vielen Jahren Normalität, auch wenn es SchwedInnen natürlich nicht immer leicht fällt gerechte Verteilung zu erreichen.

Einfallsreich und demonstrativ - am Spielplatz mit Estlands Präsidenten
Amüsiert aber auch beeindruckt zeigten sich die VeranstaltungsteilnehmerInnen vom Beispiel aus Estland, wo ein Väterkarenz-IT-Berater des Ministerpräsidenten einen Besprechungstermin einfach auf den Spielplatz verlegte, weil zwar der Termin dringend war, er aber sein Kind zu versorgen hatte – das Bild vom Präsidenten am Spielplatz im Gespräch mit seinem Berater, dahinter die Leibwächter, prägte sich anschaulich als Beispiel von Vereinbarkeitsmöglichkeiten ein.

Was wir daraus lernen können? Vereinbarkeit ist machbar, wenn man die Aufgabe ernst nimmt und die Rahmenbedingungen anpasst! „Caring fathers“, die für dieses neue Verständnis Verantwortung übernehmen, gibt es immer mehr, man(n) muss sie nur wahrnehmen und Unternehmen, Verwaltungen und Organisationen, die dies bereits tun, als Vorbilder und best practice Beispiele anerkennen.

Unterstützung geht weiter!
Mit dem Projektabschluss von „Breaking Patterns“ ging die Unterstützung von Männern für bessere Vereinbarkeit jedoch nicht zu Ende. Das Frauenreferat der NÖ Landesregierung startete soeben eine neue Projektbeteiligung zum Thema Väterkarenz in einer europäischen „Lernpartnerschaft“ namens PLESES (Parental Leave, Experiences & Skills for Enterprises and Society), das Erfahrungen und Fähigkeiten von Elternzeit als Väterzeit für Unternehmen und Gesellschaft aufbereiten und für Unternehmen Informationsmaterialien erstellen wird um anzuregen, von Vorbildern zu lernen. „Es gibt sie bereits, die neuen Rollenmodelle“, zeigt sich Projektleiterin Christiana Weidel überzeugt. „Wir müssen sie nur stärker wahrnehmen und nicht mehr als Exoten sehen sondern als neue Lösungswege für Herausforderungen der Gesellschaft heute.“ Dann werden Burnout und Stress gemildert, weil Verantwortung gemeinsam getragen wird und unser Leben wird wesentlich erleichtert.

Weitere Informationen: NÖ Frauenreferat, Amt der NÖ Landesregierung
Landhausplatz 1, 3109 St. Pölten, Tel.: 02742/9005-1328
Kontakt: post.f3frauenreferat@noel.gv.at







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